Kaiserliche Weihnacht

Bergtour im Kaisergebirge am 24.12.2016

Dieses Jahr war ich in der seltenen Situation, an Heiligabend nichts Besseres vorzuhaben, als eine Bergtour zu unternehmen. Ein bisschen was besonderes sollte es aber schon sein an einem solchen Tag. Also beschloss ich, endlich einmal den höchsten Gipfel des Kaisergebirges zu besteigen. Mitstreiter zu finden, versuchte ich dabei erst gar nicht, schließlich haben die Meisten an Heiligabend Besseres zu tun…

Die Ellmauer Halt erreicht man am einfachsten von Süden über den Gamsängersteig, was für den Winter natürlich eine vorteilhafte Ausrichtung ist. Los ging es viertel nach acht an der Wochenbrunner Alm (1100m), die noch geschlossen war. Nach gerade überstandener Erkältung war ich noch nicht wieder 100%ig fit und musste dementsprechend etwas langsamer gehen. Aber die frische Luft und die Bewegung taten mir gut, das merkte ich gleich.

Auf dem Weg zur Gruttenhütte lag anfangs kaum Schnee und so konnte ich ganz gemütlich dahin trotten und die Gedanken schweifen lassen – Besinnung am Berg also. Es war ein ereignisreiches Jahr, das bald zu Ende geht: politisch gesehen genau so wie für mich ganz privat. Da fällt das Abschalten schon mal schwer und umso willkommener war mir die kalte Luft im Gesicht und die Stille des winterlichen Waldes, die mir einen Moment der Klarheit bescherten, der tiefen Zufriedenheit.

Allmählich öffnet sich der Blick nach Süden.

Allmählich öffnet sich der Blick nach Süden.

Weiter oben lag dann doch noch etwas mehr Schnee, der derart fest getrampelt war, dass ich mich schon fragte, ob die Hütte etwa geöffnet habe. Einige Kehren weiter konnte ich dann aber feststellen, dass sie fest verschlossen im Winterschlaf lag, geduldig das nächste Frühjahr und die üblichen Heerscharen an Kaiserbesuchern erwartend. Und wer kann es Ihnen verdenken, diesen Heerscharen? Die Szenerie rund um die Hütte ist spektakulär und die Aussicht von der Terrasse wunderschön.

Die Gruttenhütte liegt herrlich.

Die Gruttenhütte liegt herrlich.

Torwand und Co. wissen auch zu gefallen.

Torwand und Co. wissen auch zu gefallen.

Diese Gams war anscheinend zu träge, um scheu zu sein.

Diese Gams war anscheinend zu träge, um scheu zu sein.

Halb zehn erreichte ich 1620m hoch gelegene Hütte, von wo aus der Weg nun etwas alpiner, wenn auch immer noch gut gespurt weiter führte. Im schattigen Hochgrubach lag deutlich mehr Schnee als zuvor – so kam doch noch Winterfeeling auf, als ich den Einstieg zum Gamsängersteig erreichte. Insgesamt war es sehr mild, doch wehten immer wieder kurze, lebhafte Böen durch das Kar, die mich daran erinnerten, dass das Wetter im Laufe des Tages schlechter werden sollte.

Der Gamsängersteig quert unterhalb der Kopftörlgrates von Ost nach West.

Der Gamsängersteig quert unterhalb der Kopftörlgrates von Ost nach West.

In den südseitigen Hängen des Steiges waren die Schneefelder teils überfroren, insbesondere die tiefen Trittspuren waren meist steinhart. Auch einige kurze Stellen mit vereisten Felsen musste ich meistern, es ging aber gerade noch ohne Steigeisen (die ich sonst auch dabei gehabt hätte). So arbeitete ich mich langsam voran, als mir an einem längeren Schneefeld ein anderer Bergsteiger von oben entgegen kam. War ich also doch nicht der einzige, der hier heute unterwegs war.

Es geht immer wieder über solche Bänder.

Es geht immer wieder über solche Bänder.

Tiefblick in die Hochgrubach

Tiefblick in die Hochgrubach

Ob es oben gut ginge, fragte ich ihn. Besser als hier, antwortete er, während er rückwärts und Stufen in den harten Schnee tretend abstieg. „Ja prima“, bemerkte ich dazu und „frohe Weihnachten“. Dann war er auch schon wieder weg. Es war nun nicht mehr weit bis zur Scharte, oberhalb derer der Steig nach Norden und Nordosten abbiegt und zunächst über eine seltsame Treppe aus Stahlspangen aufwärts führt. In der Folge wird es wieder felsiger und ab und an muss man Hand anlegen (I). Schließlich teilt sich der Klettersteig in zwei Varianten.

Typische Verhältnisse am Steig

Typische Verhältnisse am Steig

Wo es steiler wurde, lag weniger Schnee.

Wo es steiler wurde, lag weniger Schnee.

Da ich keine Lust hatte, durch eine kalte, dunkle Schlucht zu steigen, entschied ich mich, rechts herum zu gehen (B-C). Hier oben wehte der Wind bereits recht stark, noch war es aber gut auszuhalten. Bald schon kam ich um eine Kante herum und befand mich wieder in einem windgeschützten Südhang, in dem es direkt warm war. Seltsame Winterverhältnisse heute! Nun waren nur noch ein paar Bänder und Stufen zu überqueren, bis ich kurz nach halb zwölf den 2344m hohen Gipfel erreichte.

Inzwischen war die Aussicht richtig gut.

Inzwischen war die Aussicht richtig gut.

Knapp unterhalb des Gipfel liegt die Babenstuber Hütt'n.

Knapp unterhalb des Gipfel liegt die Babenstuber Hütt’n.

Natürlich ließ ich es mir nicht nehmen, kurz auf den Gipfelblock zu steigen. Ein Fuß links, ein Fuß rechts der Schneide, die Hände in die Luft – ein schöner Moment. Das ganze Kaisergebirge lag mir zu Füßen, unter mir das Totenkirchl, im Norden der Zahme Kaiser, hinter mir der Treffauer. In der Ferne all die anderen Gebirgsgruppen und über mir nur der Himmel mit seiner aus Nordwesten heran ziehenden Schichtbewölkung. Ein herrliches Leben hier heroben!

Das Totenkirchl weckt Erinnerungen.

Das Totenkirchl weckt Erinnerungen.

Kein schlechter Ort, um die Aussicht zu genießen.

Kein schlechter Ort, um die Aussicht zu genießen.

Ich machte noch einige Fotos, doch der Wind machte den Gipfel leider ziemlich ungemütlich, so dass ich mir zur Rast in die nur wenig tiefer stehende Babenstuber Hütt’n zurück zog. Die Hütte ist zwar klein und karg, bietet aber eine grandiose Aussicht. Ein guter Platz für eine Rast also. Hier genoss ich eine kleine Brotzeit, bei der warmer Tee und Marzipankartoffeln für etwas weihnachtliche Stimmung sorgten.

Eine Wolkenfront zieht über's Inntal.

Eine Wolkenfront zieht über’s Inntal.

Auch schön: Ackerlspitze und dahinter die Steinberge.

Auch schön: Ackerlspitze und dahinter die Steinberge.

Da ich mir nicht sicher war, wie lange das Wetter noch halten würde, brach ich gegen Mittag wieder auf und machte mich an den Abstieg. Da Schnee und Eis auch im Abstieg Konzentration erforderten und ich heute auch allgemein nicht schnell unterwegs war, brauchte ich zurück zur Gruttenhütte fast genau so lange wie im Aufstieg.

Es geht wieder nach unten.

Es geht wieder nach unten.

Der Großvenediger hat sein ganz persönliches weißes Wölkchen.

Der Großvenediger hat sein ganz persönliches weißes Wölkchen.

Ab hier war der Weg dann einfach, nur die Zeitangabe von 2h hinunter zur Wochenbrunner Alm bereitete mir Kopfzerbrechen, ist der Aufstieg unten doch mit 1h 30min angegeben. Vermutlich gibt es irgendwo einen Abzweig, den man im Abstieg nehmen soll, um – die herrliche Tauernsicht genießend – zwei mal im Kreis zu gehen. Allerdings fand ich diesen Abzweig nicht und war so leider schon nach einer halben Stunde wieder unten, wo ich diesen schönen Weihnachtsausflug mit einem Schnitzel abrunden konnte. Es war nicht die schlechteste Variante, Heiligabend zu verbringen, denn Erholung und Besinnung kamen heute ganz sicher nicht zu kurz.

6 Kommentare

  1. Tolle Sache für Heiligabend, und für uns Daheimgebliebene einfach schön zu lesen. Danke für diesen schönen Bericht & die Bilder!
    Die Gruttenhüte wird nächstes Jahr grundlegend erneuert und deshalb meist nur provisorisch betrieben werden. Auch die Wirte werden wechseln, nachdem es über die letzten Jahre doch immer wieder Beschwerden über die Führung der gab.

  2. Hannes
    Hannes

    26. Dezember 2016 at 3:08 pm

    Danke – freut mich, dass Dir der Bericht gefällt.

    Gut zu wissen, dass es nächstes Jahr einen Wechsel auf der Hütte geben wird. Ich war erst einmal dort, da gab es eigentlich nichts zu beanstanden. Wenn gebaut wird, ist nächsten Sommer ja vielleicht auch etwas weniger los als sonst. Den Kopftörlgrat würde ich ja schon gerne noch mal gehen. 🙂

  3. Deine ‚Kaiserliche Weihnacht‘ war spannend geschrieben. Ich habe sie mit Begeisterung gelesen. Schön, am Hl. Abend eine solche Bergfreude zu zelebrieren und sie mit der inneren Zufriedenheit ausklingen zu lassen.
    Ebenso haben mich all‘ deine herrlichen Fotos, die einen besonderen Zauber dieses Tages ausstrahlen, sehr erfreut.
    Danke Hannes!

    • Hannes
      Hannes

      28. Dezember 2016 at 8:16 am

      Danke, Stefanie! Es freut mich, dass die besondere Atmosphäre anscheinend gut rüber kommt. Es war wirklich ein besonders schöner Bergtag.

      Liebe Grüße
      Hannes

  4. Servus Hannes,

    SEHR SCHÖNE Unternehmung / ist doch auch mal ganz nett allein unterwegs zu sein !

    Gruß Daniel / guten Rutsch … + vielleicht geht ja mal wieder was zusam‘ ?

    • Hannes
      Hannes

      28. Dezember 2016 at 8:19 am

      Servus Daniel,

      auf jeden Fall. Du warst an Heiligabend ja auch allein unterwegs, habe ich gesehen.

      Und ja, ich finde auch, dass wir mal wieder was zusammen machen sollten. Vielleicht geht sich ja mal eine Skitour aus – wenn irgendwann Schnee liegt.

      Schöne Grüße und auch Dir einen guten Rutsch
      Hannes

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